Regisseur

Juri Steinhart (*1980) ist freier Drehbuchautor & Regisseur von Spielfilmen und Konzepter/Regisseur von Werbespots.

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Interview mit Autor und Regisseur Juri Steinhart


LASST DIE ALTEN STERBEN ist dein erster Langspielfilm fürs Kino. Wie bist du an den Stoff gelangt?

Es war schon für meine Generation schwierig, Themen zu finden, die unter den Nägeln brennen. In einer Zeit wo alles erlaubt war und die Eltern kollegiale Beziehungen zu ihren Kindern führten. Alle waren und sind äusserst angepasst und der Wohlstand lähmt uns gänzlich. Und für die wirklich Jungen ist es heute noch schwieriger. Pluralismus überall und jeder für sich. Die Eltern sind bestenfalls Freunde und sonst lassen sie dich in Ruhe. Wir leben mittlerweile in einer Art Wohlstands-Faschismus. In unserer liberalen Gesellschaft muss man kaum noch für Freiräume kämpfen: Die Eltern sind äusserst tolerant, gehen mit ihren Kindern shoppen, besuchen mit ihnen Konzerte. Wenn ich höre, wie ein Teenie sagt, ihre Mutter sei ihre beste Freundin, dann bekomme ich die Krätze! Die Eltern sind sogar progressiver als ihr Nachwuchs. Dem jungen Menschen fehlt die Reibung, das Lebenselixier jeder Revolution. Gründe unzufrieden zu sein und etwas ändern zu wollen würde es in der heutigen Welt jedoch genügend geben. Das hat mich interessiert, ich wollte herausfinden warum dies so ist und mich mit diesem Umstand arrangieren. So ist der Film eine satirisch angehauchte Ursachenforschung aus meiner Wahrnehmung. Nicht aus dem verklärten Blickwinkel der Lauten aus den Achtzigern erzählt und nicht aus dem naiven Blick der Stillen von heute gezwitschert.

Du erwähntest, dass Kevin keine autobiografische Figur sei. Wie viel Kevin steckt wirklich in dir drin?

Die Hauptfigur Kevin bin nicht ich. Klar, das Innerste jeder von mir erschaffenen Figur hat etwas mit mir zu tun. Nur so kann ich glaubwürdige Figuren schaffen. Vieles was Kevin im Film erlebt, habe ich auch so erlebt. Manchmal unmittelbar an mir selbst, oder in meinem näheren Umfeld. Um mich nicht zu stark zu exponieren, werde ich keine Beispiele nennen. Alle wissen, dass man als Autor die Hosen runterlässt. Ich muss dies nicht noch durch konkrete Beispiele unterstreichen. Wenig ist erfunden, das meiste beruht auf wahren Gegebenheiten. Obwohl gewisse Situationen überhöht erscheinen, bleiben sie durch diesen persönlichen Bezug authentisch.

Die erste (schwarz-weiss) Szene deutet auf einen wichtigen Umstand der Stoffentwicklung hin: der typische Ton einer eingehenden iPhone-SMS ertönt, obwohl sich der Zuschauer in den 80er Jahren wähnt. Habt ihr ursprünglich die Geschichte zeitlich früher angesiedelt? Warum? 

Tatsächlich spielte die Story in ganz früheren Fassungen in der Zeit vor den Jugendunruhen um 1980. Parallel dazu lenkten Ereignisse wie «Tanz dich frei» oder Bewegungen wie «Operation Libero» mehr und mehr auf die heutige Jugend. So wuchs der Wunsch, die gegenwärtige Situation zum Thema zu machen, anstatt eine vergangene Epoche aufzuarbeiten und abzubilden. So entschied ich mich, die Geschichte und die Prämisse der Politisierung von jungen Menschen in die Gegenwart zu adaptieren.

Worauf hast du beim visuellen Stil des Films geachtet?

Ich habe mir stets die Frage gestellt, wie würde die Hauptfigur Kevin diesen Film gestalten. Und da ich Kevin äusserst gut kenne, konnte ich diese Frage jeweils schnell beantworten. Die Zeitdokumente der damaligen Jugendunruhen, Plattencover alter Punkbands, sowie die zahllosen selbstgebastelten Flugblätter zitierend, bediente ich mich dieser rohen Bildtextur. Die enge Bindung der Bildästhetik an die Handlung spiegelt sich auch in einer vielfältigen und direkten Formatwahl wieder: So werden die in der Geschichte inszenierten Aufzeichnungsmedien (8mm, GoPro Kameras, Handy-Kameras,) denn auch wirklich zur Bildgestaltung verwendet und von den jeweiligen Protagonisten geführt. Die dabei entstehende Roh- und Direktheit der Kameraführung schafft eine intensive Nähe zu den Figuren und verleiht der Handlung ihre Authentizität.

Welchen Stellenwert misst du der Filmmusik bei?

Ein zentrales Gestaltungselement bilden die zahlreichen Songs von Schweizer Punkbands aus den späten Siebzigern (zwei aus den Achtzigern). Ihre Songs waren eine Ankündigung dafür, was einige Jahre später unter dem Begriff „Bewegig“ hierzulande Realität wurde. Da der Protagonist diese Zeitspanne zu imitieren pflegt, liegt es nahe, dass ihn diese Musik begleitet. Aus der Sicht des Autors ist es ausserdem eine Hommage an diese Zeit. Die Songs werden auch entsprechend zelebriert und oft findet sich der Zuschauer sogar in einem Videoclip wieder. Dies ist bewusst gewählt und unterstreicht die visuelle Sozialisierung geprägt durch YouTube und Co. unseres jungen Zielpublikums.

Der Vater Kevins ist ein interessanter Antagonist, weil er seine Antagonistenrolle kaum wahrnimmt. Ist das Fehlen einer väterlichen Reibungsfläche aus deiner Sicht ein gesellschaftstypisches Phänomen?

Absolut. Dies entspricht der Prämisse meines Filmes. Es ist jedoch eine Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen und dabei aufzuzeigen, was alles nicht da ist: Kein Thema, kein Konflikt, keine Haltung und kein Ziel. So wurden diese fehlenden Attribute zur eigentlichen Geschichte, ihr Fehlen zum eigentlichen Konflikt. Durch den fehlenden Konflikt mit den liberalen Eltern und einer Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, entsteht der Konflikt der fehlenden Reibung.